Liebe Alexandra,
gut Ding will Weile haben, darum nicht nie sondern spät
ein Versuch auf Deine Fragen vom November zu antworten:
Irving Wardle beschreibt
in seinem Vorwort von Keith Johnstones Buch den Kern der Improvisationstheaterlehre
wie folgt: "Deine Phantasie ist nicht impotent, solange
du nicht tot bist; du bist nur eingefroren. Schalte den verneinenden
Intellekt aus, und heiße das Unbewußte als Freund
willkommen: Es wird Dinge hervorbringen, die origineller sind
als alles, was du erreichen könntest, wenn du Originalität
anstrebst."
Improtheater ist für viele Spieler, so auch für mich
eine Lebensphilosophie. Jede Szene ist eine Premiere, bietet
die Möglichkeit zum Bunggee-jump nur ohne Seil, das meine
ich im Übertragenen Sinne. Das Sich-Einlassen auf Geschichten,
Schulung der Wahrnehmung, Plot-Strukturen - die Kippe ausbalancieren
zwischen dem Vorantreiben der Handlung und das Treiben lassen
von den anderen.... Bedeutung entsteht im Prozess - daran teilzuhaben
macht süchtig.
Ich halte Improvisationstheater
für die Königsdisziplin unter allen Theaterformen,
denn sie verlangt vom Spieler so viele Kompetenzen, die ich
nicht alle auflisten kann.Hier nur einige:
Tanz, Gesang, Präsenz,
Wahrnehmung, Spontaneität, Stimmausbildung , Schauspielausbildung,
Pantomimische Ausbildung, Allgemeinbildung (Geschichtlich, Tagesthemen),
- ja, ja Bildung, um zu bilden - das Wissen um die einzelnen
Genres, Klischees, Stile, Klischees, Plots (Motive: Rache, heimliche
Liebe, Konkurrenz,etc.)
Improvisationstheater
ist der dauerhafte Versuch ein perfekter Mensch zu werden, mit
dem sicheren Wissen, daß der Versuch zum Scheitern verurteilt
ist - und das ist das Wunderbare, denn aus Fehlern entsteht
etwas ganz anderes, was man nie erwartet hätte: faszinierender,
origineller und packender als hätte man vorausgeplant umgesetzt.
Das klingt sektenhaft. Tatsächlich erinnern einige Schauspielübungen
an spirituelle Rituale psychopathischer Volksgruppen, das wirst
Du, wenn Du schon an praktischen Theaterworkshops teilgenommen
hast, bestätigen können.
Ja wir basteln uns
eine Zauberwelt, in der Menschen, die Sonntags um 14.30 Uhr
auf Stühlen stehen und einen Barhocker tragen zu Baukränen
werden, die einen Betonmischer transportieren
na ja.
Die ständige Wandelbarkeit von Zeichen und Bezeichnetem
(Hallo Herr De Saussure!).
Wenn H. Müller
mit seiner "Hamletmaschine" interpretiert wird, daß
alles Text sei, zu Text werde und jeder seine Assoziationskette
bilde, mutiert Improtheater, insofern es nicht nur "Bahnhofsklo,
hau drauf! Im Stile eines Splatterpornos" ist, zu einem
unendlichen, nicht hierarchischen Wahrnehmungskonzept (Soma,
Emotion, Mentales in ihrer Vernetzung), das sich im Theaterraum,
in der Verschmelzung von Technik (Licht/Ton etc.), Schauspieler,
Musik, Zuschauer doch in einem gemeinsamen Nenner ("Es")
bündelt.
Wenn "Es"
funktioniert, geht man begeistert und fasziniert nach Hause,
weiß nicht warum, aber dass "Es" da war. Wir
sagen "Es" hat gegroovt, gerockt. In der immer neu
aufgewärmten Diskussion, was das Theater am Leben hält,
bietet Improtheater, nicht nur unter dem postmodernen Blickwinkel
vielleicht keine Antworten, aber Anregungen.
Liebe Alexandra,
lerne: frage niemals einen Improspieler, was das einzigartige
an Impro ist, es sei denn, Du hast viel Zeit Dich auf die Antwort
einzulassen. Die sich übrigens täglich wandeln wird
und von Spieler zu Spieler verschieden ist!
Wenn Du etwas über die Entstehung der Impro-Theaterform
an sich wissen willst , es gibt zwei sehr empfehlenswerte Bücher
von Keith Johnstone: "Improvisation und Theater" &
"Theaterspiele", sie kosten um die 40,-- DM sind aber
Schätze nicht nur für Theaterleute!
Wenn
Du im November in der 13. Klasse warst, dann machst Du sicherlich
in der nächsten Zeit Deine Abiturprüfung - wir wünschen
Dir viel Glück und Erfolg. Sei weiterhin wachsam und neugierig,
virtuell oder spirituell, immer frei nach dem Motto: Das Notwendigste
ist das Unnütze! Bei den Prüfungen und Klausuren:
Mut zur Lücke und im Zweifel: improvisieren!
Herzliche Grüße
aus Bochum von
Anja!
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