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LIEBE ALEXANDRA, … – ODER WAS DAS EINZIGARTIGE AM IMPROTHEATER IST!

Das hier war die "Aktuelle" des Monats März 2001. Ich dachte, es wäre doch schade, wenn Anjas Antwort auf die Frage der Fragen, hier nicht länger der Öffentlichkeit zugänglich bliebe. Deshalb habe ich sie als hier auf dieser Seite für die Nachwelt erhalten:

Beim Durchsehen beantworteter E-mails in unserer HOLO-Mailbox, fiel mir damals eine E-mail auf den Bildschirm (nicht in die Hände), die Anja im Februar an Alexandra aus in der Nähe von Frankfurt geschrieben hatte. Alexandra stellte unter anderem diese Frage:

"Was ist Eurer Meinung nach Wesen, das Besondere, das Einzigartige an/von Improtheater?"

Anjas zeitlose Antwort auf diese Frage gefiel mir so gut, das ich sie hier für alle stehen lassen möchte, die sich das auch schon einmal gefragt haben:

 

Liebe Alexandra,

gut Ding will Weile haben, darum nicht nie sondern spät ein Versuch auf Deine Fragen vom November zu antworten:

Irving Wardle beschreibt in seinem Vorwort von Keith Johnstones Buch den Kern der Improvisationstheaterlehre wie folgt: "Deine Phantasie ist nicht impotent, solange du nicht tot bist; du bist nur eingefroren. Schalte den verneinenden Intellekt aus, und heiße das Unbewußte als Freund willkommen: Es wird Dinge hervorbringen, die origineller sind als alles, was du erreichen könntest, wenn du Originalität anstrebst."

Improtheater ist für viele Spieler, so auch für mich eine Lebensphilosophie. Jede Szene ist eine Premiere, bietet die Möglichkeit zum Bunggee-jump nur ohne Seil, das meine ich im Übertragenen Sinne. Das Sich-Einlassen auf Geschichten, Schulung der Wahrnehmung, Plot-Strukturen - die Kippe ausbalancieren zwischen dem Vorantreiben der Handlung und das Treiben lassen von den anderen.... Bedeutung entsteht im Prozess - daran teilzuhaben macht süchtig.

Ich halte Improvisationstheater für die Königsdisziplin unter allen Theaterformen, denn sie verlangt vom Spieler so viele Kompetenzen, die ich nicht alle auflisten kann.Hier nur einige:

Tanz, Gesang, Präsenz, Wahrnehmung, Spontaneität, Stimmausbildung , Schauspielausbildung, Pantomimische Ausbildung, Allgemeinbildung (Geschichtlich, Tagesthemen), - ja, ja Bildung, um zu bilden - das Wissen um die einzelnen Genres, Klischees, Stile, Klischees, Plots (Motive: Rache, heimliche Liebe, Konkurrenz,etc.)

Improvisationstheater ist der dauerhafte Versuch ein perfekter Mensch zu werden, mit dem sicheren Wissen, daß der Versuch zum Scheitern verurteilt ist - und das ist das Wunderbare, denn aus Fehlern entsteht etwas ganz anderes, was man nie erwartet hätte: faszinierender, origineller und packender als hätte man vorausgeplant umgesetzt. Das klingt sektenhaft. Tatsächlich erinnern einige Schauspielübungen an spirituelle Rituale psychopathischer Volksgruppen, das wirst Du, wenn Du schon an praktischen Theaterworkshops teilgenommen hast, bestätigen können.

Ja wir basteln uns eine Zauberwelt, in der Menschen, die Sonntags um 14.30 Uhr auf Stühlen stehen und einen Barhocker tragen zu Baukränen werden, die einen Betonmischer transportieren … na ja. Die ständige Wandelbarkeit von Zeichen und Bezeichnetem (Hallo Herr De Saussure!).

Wenn H. Müller mit seiner "Hamletmaschine" interpretiert wird, daß alles Text sei, zu Text werde und jeder seine Assoziationskette bilde, mutiert Improtheater, insofern es nicht nur "Bahnhofsklo, hau drauf! Im Stile eines Splatterpornos" ist, zu einem unendlichen, nicht hierarchischen Wahrnehmungskonzept (Soma, Emotion, Mentales in ihrer Vernetzung), das sich im Theaterraum, in der Verschmelzung von Technik (Licht/Ton etc.), Schauspieler, Musik, Zuschauer doch in einem gemeinsamen Nenner ("Es") bündelt.

Wenn "Es" funktioniert, geht man begeistert und fasziniert nach Hause, weiß nicht warum, aber dass "Es" da war. Wir sagen "Es" hat gegroovt, gerockt. In der immer neu aufgewärmten Diskussion, was das Theater am Leben hält, bietet Improtheater, nicht nur unter dem postmodernen Blickwinkel vielleicht keine Antworten, aber Anregungen.

Liebe Alexandra, lerne: frage niemals einen Improspieler, was das einzigartige an Impro ist, es sei denn, Du hast viel Zeit Dich auf die Antwort einzulassen. Die sich übrigens täglich wandeln wird und von Spieler zu Spieler verschieden ist! …

… Wenn Du etwas über die Entstehung der Impro-Theaterform an sich wissen willst , es gibt zwei sehr empfehlenswerte Bücher von Keith Johnstone: "Improvisation und Theater" & "Theaterspiele", sie kosten um die 40,-- DM sind aber Schätze nicht nur für Theaterleute! …

Wenn Du im November in der 13. Klasse warst, dann machst Du sicherlich in der nächsten Zeit Deine Abiturprüfung - wir wünschen Dir viel Glück und Erfolg. Sei weiterhin wachsam und neugierig, virtuell oder spirituell, immer frei nach dem Motto: Das Notwendigste ist das Unnütze! Bei den Prüfungen und Klausuren: Mut zur Lücke und im Zweifel: improvisieren!

Herzliche Grüße aus Bochum von

Anja!

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